Blumen und Tomaten

Blumen und Tomaten

ZIGEUNERLEBEN oder DER BÄR IM ZK

Tragikomische Puppenfarce von Peter Waschinsky nach Motiven aus Annette Leos dokumentarischem Buch DAS KIND AUF DER LISTE” (Aufbauverlag 2018)

Szenische Lesung mit Vera Pachale, Mario Ecard und dem Autor

(Aufzeichnung vom Sommer 2020 ohne Publikum)   https://www.youtube.com/watch?v=3mHddhrFOW8

1. Waschinskys Stück

Diese Puppenaufführung erhebt nicht den Anspruch einer Inszenierung – vorgestellt werden soll das Stück, weniger dessen Umsetzung. Auch wenn durchweg mit Puppen gespielt wurde, hängt der Text an der Spielleiste und wird unsichtbar abgelesen.

Völlig ohne jede finanzielle Unterstützung mit zwei vom Stück überzeugten Kollegen realisiert, hat der Autor es nach 10 Vorstellungen Mitte 2020 abgesetzt, u.a. wegen latenter Rassismus- u.a. Unterstellungen. Natürlich verhinderte auch Corona einiges. Vorher gab es überwiegend positive bis euphorische Reaktionen. Karsten Troyke schrieb z.B. eine sehr lobende Rezension, in der Puppenspielzeitung DaT abgedruckt. Die Puppentheater-Zuständige in der Senatsjury für Darstellende Künste (die die Fördermittel verteilt) verließ andererseits die Aufführung vor der Pause wegen der “Häme gegen Schwächere” darin – keine andere Meinungsäußerung, auch bei den ca 25 % kritischen, ging auch nur annähernd in die gleiche Richtung, aber es beschreibt die teilweise Stimmungsmache. Und was alles Puppentheater in Berlin be- und verhindert.

Nun also sieht man die Puppenfarce – ja, es darf trotz allem gelacht werden – wenigstens auf youtube:

Gezeigt wird eine skurrile Theaterprobe zu einer merkwürdigen Revue des Verdrängten über wenig bekannte Realitäten zwischen Nazizeit und Gegenwart: Häftlingsbordelle im KZ, Jüdische Kulturbünde unter Hitler, schwule Nazis früher und heute. Dazu kommt die hilflose Sicht der SED-Greise auf Sinti und Roma. Die Nazizeit erscheint als böses Märchen, wo sich bei der Pfefferkuchen-Hexe ein jüdischer und ein Sintojunge treffen, deren Vorbilder sich in Wahrheit nie begegnet sind. Über alles gibt es in der Rahmenhandlung zwischen Regisseur, Autor und Theaterchef absurde Diskussionen mit Standpunkten von “Das klare Opfer-Täter-Bild nur nicht infrage stellen” bis “Das Krasse weg von der Realität viel mehr auf die Spitze treiben!”

Den Grundelementen aus Annette Leos Buch fügte Waschinsky also noch ganz anderes hinzu.

2. Die Vorgeschichte(n)

Waschinsky hatte mit der Autorin einen Lese- und Puppenspiel-Abend zusammengestellt und ca.12 mal gespielt. Vorausgegangen war:

Als 2015 weder in der Neu-Verfilmung des längst ikonographischen Romans von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, oft für unmittelbare Realität gehalten und instrumentalisiert, noch in der anschließenden TV-Doku auf das Schicksal von Willy Blum verwiesen wurde, regte sich Unmut – vor allem vom Zentralrat der Roma und Sinti in Deutschland: Denn um 2000 hatte sich eine Deportationsliste aus dem KZ Buchenwald nach Auschwitz gefunden, auf der der inzwischen berühmte, damals 3jährige Jude Stefan Jerzy Zweig auf der 200. und letzten Position durchgestrichen und durch den 16jährigen Sinto Willy Blum ersetzt worden war. Opfertausch? So einfach war es nicht, wie Historikerin Annette Leo in ihren folgenden Recherchen herausfand.

Eins aber wurde deutlich: Bis heute werden nicht alle Opfergruppen der Nazis angemessen im öffentlichen Gedächtnis reflektiert. Der Holocaust an der „Zigeuner“ genannten , wiewohl seit Jahrhunderten in Deutschland lebenden Minderheit, wird oft eher halbherzig behandelt, wie der Fall von Willy Blum zeigte.

Willy Blum war eines von 12 Kindern einer deutschen Sinti-Familie. Und: Blums waren traditionelle Marionettenspieler. Sie zogen bis in die Nazizeit hinein durch Ostsachsen, wurden fast alle in KZs deportiert – Willy Blum und sein jüngerer Bruder überlebten nicht. Annette Leo hat aus an sich nüchternen Fakten und vergleichsweise wenigen Überlieferungen ein interessantes Buch gemacht. Und Puppenspieler Peter Waschinsky, der zunächst mit einigen Hinweisen zum traditionellen Marionettentheater hilfreich war, komplettierte die Lesung mit Puppenspiel-Szenen ganz unterschiedlicher Art.

Der Abend wurde initiiert vom Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen Peter Reif-Spirek, unterstützt auch von der entspr. Landeszentrale Brandenburg; er wurde an einigen ostdeutschen Orten gezeigt, auch in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück und im Deutschen Nationaltheater Weimar – in Bezug zum nahen KZ Buchenwald, einem Hauptort des Geschehens.

3. Die Verhinderung

Auch das Zentrale Berliner Puppentheater SCHAUBUDE bereitete Anfang 2020 eine Aufführung des Lese- und Puppenspielabends mit Leo und Waschinsky vor – sagte aber kurzfristig ab. In einer diffusen, Rassimus nahelegenden Begründung bezog man sich auf eine Äußerung Waschinskys in einer längeren hitzigen Internet-Diskussion auf Facebook mit Shitstorm und wilden Unterstellungen, wo er für einen unbefangeneren Umgang mit den Worten “Neger” und “Zigeuner” plädiert hatte. Mit der Aufführung, deren Absetzung ja auch die völlig unbeteiligte Autorin betraf, hatte das nichts zu tun.

Waschinsky bezog sich auf ein Urteil des Landesverfassungsgericht Mecklenburg, “Neger” wirke letztlich erst im Zusammenhang abwertend, weiterhin Nobelpreisträgerin Herta Müllers Zitat (um 2000), demzufolge rumänische Betroffene die Bezeichnung “Roma” diffamierend fanden und ausdrücklich Zigeuner/Zigani genannt werden wollen. Das korrespondiert mit Waschinskys Patensohn, Zigeuner/Zigan in Bukarest, für den “Roma” heißt: “Alle Zigeuner klauen”. Daß der Roma-Begriff keineswegs für alle Betroffene wertneutral ist, zeigte sich auch später im Protest der Deutschen Sinti-Allianz Mitte 2020 gegen die Diskriminierung des Begriffs “Zigeuner”.

Wieder einmal entstand der Eindruck, Schaubudenleiter Tim Sandweg war weniger “antirassistisch” motiviert, sondern wollte wie seit langem, Waschinsky weiter aus dem laut Kultursenat “Haus der Berliner Puppenspieler” fernhalten. Waschinsky hatte sich lange und erfolgreich für die SCHAUBUDE engagiert – aber zunehmend auch deren Eventkonzept ohne Eigenproduktionen und Ensemblespiel kritisiert, was dieses Theater zur Abspielstätte abwerte, scheinprofiliert durch zuviel Puppenspielfernes.

Entstanden war bald nach Bucherscheinen auch eine weitere Puppenspiel-Bühnenversion mit jungen Sinteza. DREI sehr unterschiedliche Versionen des gleichen Stoffes um den Sohn einer Sinti-Puppenspielerfamilie sagen wohl etwas über seine Brisanz. Die drei Aufführungen einmal alle am Puppentheater SCHAUBUDE zum Vergleich zu zeigen, hätte mehr als nahe gelegen – gezeigt wurde dort keine.

Ist es nicht bedenklich, wenn mit schematisch betriebenem Antirassismus Aufführungen verhindert werden, die den verdrängten Holocaust an den Sinti/Roma/Zigeunern thematisieren, der somit aufs Neue verdrängt wird?

 

https://www.youtube.com/watch?v=3mHddhrFOW8

PS: Neben dem bekannten Roman "Nackt unter Wölfen" findet man im Internet über die tatsächlichen Ereignisse einen Bericht von Zacharias Zweig, Vater des geretteten jüdischen Kindes, unter http://www.stefanjzweig.de/data/5-Vati-hier-bin-ich.pdf